GESCHÄFTSBERICHTE - Wenn Übersetzungsfehler Millionen kosten

Die Saison für Geschäftsberichte läuft zurzeit auf Hochtouren - und damit ist auch Hochzeit für die Übersetzer der Fachtexte. Die Gefahr von Pannen, wenn diese die Materie nicht beherrscht wird. Im schlimmsten Fall kann das sogar rechtliche Konsequenzen haben. Steffi Brettschneider, Key Account-Managerin beim Bonner Sprachdienstleister Foris Lingua, über die Fallstricke bei der Übersetzung.

Frau Brettschneider, bis vor einem Jahr galt für Geschäftsberichte das Motto: dicker, schöner, bunter. Jetzt gibt es statt opulenter Fotos Bilder aus dem Archiv. Die Beschreibung der Geschäftsentwicklung bleibt oftmals im Vagen, und auf Prognosen wird lieber verzichtet. Gleichzeitig ist die Erwartungshaltung der Leser an Klarheit und Transparenz in der Finanzberichterstattung gestiegen. Macht das das Übersetzen von Geschäftsberichten schwerer?

Steffi Brettschneider: In der Tat sind viele Firmen bei der optischen Gestaltung ihrer Geschäftsberichte und bei der Herausgabe von Umsatz- und Gewinnprognosen zurückhaltender geworden. Fundiertes Fachwissen in der Finanz- und Bankenwelt erfordert das Übersetzen von Geschäftsberichten aber per se. Egal wie die Zeiten sind. Geschäftsberichte sind die Visitenkarte von Unternehmen und damit immer auch ein Stück Politik. Um die Firmenkultur auch in der fremden Sprache richtig wiederzugeben - insbesondere das, was zwischen den Zeilen steht -, brauchen Übersetzer Branchenkenntnisse, ein Gespür für den richtigen Ton und diplomatisches Geschick.

Die Leser von Geschäftsberichten erwarten aber doch keine Texte von literarischer Qualität?

Brettschneider: Auch wer Texte aus rein funktionalem Interesse heraus liest, weiß einen klaren und flüssigen Stil zu schätzen. Nehmen wir die Analysten und Wertpapiermanager. Sie müssen sich durch abertausende Seiten von Prospekten, Geschäftsberichten und Marktreports kämpfen, um Kaufempfehlungen abgeben zu können. Für solche Profi-Leser ist Zeit Geld und schnelles Lesen wichtig. Also gilt: Was schwer zu lesen ist, bleibt ungelesen - mit der Konsequenz, dass Informationen nicht verarbeitet werden.

Was sind die größten Fallstricke bei der Übersetzung von Geschäftsberichten?

Brettschneider: Geschäftberichte entstehen in der Regel unter hohem Zeitdruck, weil die Zahlen für den Jahresabschluss immer in letzter Sekunde geliefert, interpretiert, vertextet und schließlich in die Fremdsprache übertragen werden. Selbst Übersetzer, die sich sehr gut in der Finanzwelt auskennen, müssen höllisch aufpassen, dass ihnen beim Hin- und Herwechseln zwischen deutschen und internationalen Rechnungslegungsvorschriften kein Lapsus passiert.

Wie zum Beispiel?

Brettschneider: Der Begriff "Sachanlagen". Nach IFRS bedeutet Sachanlagen im Englischen „property, plant and equipment“, nach HGB „tangible fixed assets“. Der Übersetzer muss mit den Unterschieden zwischen HGB und IFRS vertraut sein. Die Prinzipien dahinter sind unterschiedlich und die Abschlüsse anders aufgebaut. Da nicht durcheinander zu kommen und stets korrekt zu übersetzen, erfordert profundes Know-how und hohe Konzentration. Ganz abgesehen davon ist eine professionelle Übersetzung nicht möglich, wenn man die Materie nicht beherrscht. Ein gewisses Über-den-Dingen-Stehen ist dafür generell unerlässlich. Wer sklavisch am Original klebt, produziert Bandwurmsätze und riskiert krumme Bilder. Wir Deutsche haben nun mal Hummeln im Hintern, die Briten aber "ants in your pants". Wenn Sie hier einem erzählen, er habe Ameisen in der Hose, dürften die Augenbrauen schon fragend nach oben wandern.

Welche Rolle spielt die Qualität der Übersetzung aus Sicht des Wirtschaftsprüfers?

Brettschneider: Auch Wirtschaftsprüfer haben ein großes Interesse daran, dass die von ihnen geprüften Jahresabschlüsse und Bilanzen korrekt übersetzt sind. Generell gilt zwar, dass sie sich mit ihrem Bestätigungsvermerk "nur" für die Richtigkeit des Zahlenwerks in dem testierten Originaldokument verbürgen. Schlechte Übersetzungen aber können das Vertrauen auch in ihre Arbeit untergraben. Deshalb werden sie vom Institut der Deutschen Wirtschaftsprüfer sogar offiziell angehalten, für Richtigstellung zu sorgen, falls sie von fehlerhaften Übersetzungen eines Abschlusses mit Bestätigungsvermerk erfahren.

Was zeichnet eine gute Übersetzung aus?

Brettschneider: Eine Übersetzung ist dann gut, wenn man nicht merkt, dass es eine Übersetzung ist.

Woran lässt sich erkennen, ob ein Übersetzer geeignet ist?

Brettschneider: Niemand kann das Wort "cheese" verstehen, wenn er noch keine nicht-sprachlichen Erfahrungen mit Käse gemacht hat, sagte einst der britische Philosoph Bertrand Russel. Wer Geschäftsberichte, Jahresabschlüsse nach internationalen Rechnungslegungsstandards oder auch Verträge übersetzt, sollte seine Erfahrungen mit dem "Käse" bereits gemacht haben. Für solche Sachen braucht man Muttersprachler mit einem Diplom als Übersetzer und Berufserfahrung als ausgebildeter Ökonom oder Finanzexperte.

Gute Geschäftsberichte geben durch eine exakte Sprache also Investoren das Vertrauen, dass mit ihrem Geld anständig gewirtschaftet wird?

Brettschneider: Im besten Fall erobern sie sogar sein Herz. Der US-Investor Warren Buffett etwa wird in der Investorengemeinde wegen seines Wortwitzes geschätzt. Die Berichte seiner Firma Berkshire Hathaway sind ein wahres Lesevergnügen. Berühmt ist zum Beispiel der Geschäftsbericht 2005, in dem Buffett Derivate als "finanzielle Massenvernichtungswaffen" einstufte. Um solche markigen Äußerungen treffsicher wiederzugeben, brauchen Sie als Übersetzer Souveränität und Empathie.

http://www.handelsblatt.com/unternehmen/strategie/geschaeftsberichte-wenn-uebersetzungsfehler-millionen-kosten;2547439

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